Slam2007 - in Berlin
10 Jahre deutschsprachige Poetry Slam-Meisterschaften
Was müssen das für finstere Zeiten gewesen sein, in denen Schrift schwarz war, Gedanken Seitenabstand brauchten und Sprache tonlos sein musste, um als Literatur zu gelten? Es war die Zeit, in der auf Bühnen Theater gespielt, in Literaturhäusern Wassergläser getrunken und in Kneipen die Karte gelesen wurde. Es wurde Zeit für Poetry-Slam. Die performte Literatur bereichert nun schon seit gut zehn Jahren herkömmliche Literaturformate und deren Bühnenpräsenz. In Deutschland, Österreich und der Schweiz hat sich die zweit-größte Poetry Slam Szene der Welt entwickelt. Was als "Literatur aus dem Publikum für das Publikum" klein in der Großstadt startete, bewegt sich längst in die größten Kulturstätten der Kleinstädte und nennt sich nicht mehr nur "Poetry-Slam", sondern "Lauschangriff" (Augsburg), "Satz nach vorn" (Aachen), "Freispruch" (Was-serburg) oder schlicht "Club der lebenden Dichter" (Bochum). Nicht mal vor den eigenen vier Wänden macht der Slam mehr halt - wer den Fernseher auf WDR schaltet, wird ab dem 24. Februar Performance-Poeten in seinem Wohnzimmer begrüßen dürfen. Kurzum: Poetry-Slam ist nach über zehn Jahren vernetzt, verkabelt und fest verankert in der deutschen Kulturszene.
Berlin besitzt ohne Zweifel eine der größten, lebendigsten und erfolgreichsten Slam-Szenen dieses Landes und gilt als Wiege des gesprochenen Wortes. 1997 rief Wolf Hogekamp hier die ersten deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften ins Leben. Seitdem fanden die Meisterschaften jedes Jahr in einer anderen Stadt statt. Zum zehnjährigen Jubiläum kehrt das groß und stark gewordene Kind in die Heimat und in die Verantwortung Hogekamps zurück. Damals texteten sich noch eine Hand voll Poeten in einem kleinen Kreuzberger Club um Kopf und Kragen und die Gunst des Publikums. Diesen Oktober erwarten die Berliner Organisatoren die 90 herausragendsten Slam-Dichter und Poeten-Teams aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die an fünf Tagen in Vorrunden, Halbfinale, Finale und U-20 Konkurrenz gegeneinander anle-sen. Qualifizieren müssen sie sich über Siege auf ihren Heimat-Slams oder über ein extra für den Slam2007 entwickeltes Ranking-System. Der Titel des "Slam-Champ" ist heiß umkämpft und nur unter schwersten lite-rarischen Anstrengungen zu erreichen. Von der textlichen Qualität des letztjährigen Sieger-Slamers musste sich erst vor kurzem Stefan Raabs Einschaltquote in den Keller reißen lassen. Das Publikum wollte Comedy, es bekam Slam!
Längst ist Poetry-Slam besser als sein Image. Von Lokalzeitungen zu Hobbydichterlesungen degradiert, vom Feuilleton hochmütig belächelt, von Verlagen als Lautmalerei abgetan, fristet der Slam ein glückliches Dasein in randvollen Kneipen, ausverkauften Theaterhäusern und neuerdings auch voll besetzen Schulau-las. Seit ein paar Jahren tragen engagierte Slamer und Deutschlehrer im Rahmen von Workshops die Idee des Poetry-Slams an Jugendliche heran, es entstehen sogar Schulbücher und Didaktik-Methoden zum Thema "Slam im Unterricht". Seit zwei Jahren findet nun auch auf jedem National Slam eine gesonderte Schüler-Konkurrenz statt, die sich "U20-Slam" nennt. Dieses Jahr wird die von Petra Anders ins Leben geru-fene Veranstaltung vom Bundesministerium für Forschung und Bilddung im Rahmen des "Wissenschaftsjah-res 2007" unterstützt, in der Hoffnung, Schüler für Sprache zu begeistern. Auf zeitgemäße Weise will das U20-Slam-Projekt die Schreib- und Sprachkompetenz von Jugendlichen ab Klasse 8 wecken, fördern und stabilisieren. Über die Zukunft des Poetry-Slam wird man sich - gemessen an der großen Resonanz in den Schulen - keine Sorgen machen müssen.
Anliegen der deutschsprachigen Poetry-Slam Meisterschaften ist es, den überregionalen Austausch von Au-torinnen und Autoren zu fördern und dem Publikum eine lebendige Darstellung der deutschsprachigen Ge-genwartsliteratur zu bieten. Poetry-Slam ist Literatur von heute, ein gemeinsames Poesie-Erlebnis, das im Hier-und-Jetzt lyrische Augenblicke schafft. Die Fünf-Minuten-Takt Dichtung hat sich als eigenständiges Lite-ratur-Genre etabliert. Neue Verlage konnten erfolgreich aufgebaut werden (Sprechstation, Ventil Verlag, Vo-land & Quist, Lautsprecher), neue Medienformate wurden über Poetry-Slam als Vermittler von Literatur er-schlossen (Poetry Clips, Hörbücher, Text-CDs, Poetry-Podcasts) und nicht zuletzt haben sich neue literari-sche Gruppierungen zusammengefunden (Berliner Wald oder die "literarische Boygroup" Smaat), die auf eigenen Bühnen Lese- und Vortragsabende performen. Mittlerweile gibt es viele Autoren, die die gesproche-ne Dichtung von Beruf, von Stadt zu Stadt reisend, betreiben. Einige können tatsächlich davon leben, die meisten haben mehr Worte als Geld und sicherlich wird sich auf der ein oder anderen Slam-Bühne auch der ein oder andere Hobbypoet als solcher bezeichnen lassen müssen. Dennoch: Poetry-Slam ist kein rauchiges Vorzimmer des glanzvollen Literaturbetriebs mehr, sondern ein wichtiger Teil von ihm. Wir leben in Zeiten, in denen Bücher als Hörbücher erfolgreich sind, Schriftstücke in Redeflüssen ertrinken und sich literarischer Wert per Publikumsbescheid ermessen lässt. Wer das beklagt, soll nach Hause gehen und ein gutes Buch lesen. Alle anderen kommen vom 3.-7. Oktober nach Berlin.
Anna Kistner 2007 |